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Tag 24 nach dem Neustart

20.05.2020

Ich fühle mich wie eine Kammerzofe am Hofe Ludwigs XIV.

Disziplin ist des Gärtners Stärke nicht.


Wenn im Mai das Gartenwetter lockt, vergessen wir Gärtnerinnen und Gärtner – ob Hobby oder Profi – unsere Disziplin und fröhnen eher unkontrolliert unserer Leidenschaft. Das aktuelle Korsett aller Schutzmassnahmen mag diesem „natürlichen“ Drang kaum standhalten.

Momentan fühlte ich mich wie eine Kammerzofe am Hofe Ludwigs XIV., welche eine etwas füllige Edeldame mit einem Schnürleib den geltenden Modelinien entsprechend formen soll. Auf mein Garten-Center übertragen, gilt es den Drang nach Pflanzen durch eine Art „Quälerei“ den geltenden Schutzlinien entsprechend zu kanalisieren. Beides sind undankbare Unterfangen.

Natürlich ist es ein wunderbares Privileg, dass ein pulsierender Kundenandrang unseren Kreislauf nach dem temporären „Herzstillstand“ wiederbelebt und uns die „Auferstehung“ ermöglicht. Solcher Wiederbelebung nun ein Korsett anzulegen, mutet „überlebensfeindlich“ an. Aber selbstverständlich weiss ich genau, dass diese unangenehme Züchtigung unserer „Leistungsfähigkeit“ dem „grossen Ganzen“ geschuldet ist.

Irgendwie erinnert mich der Zwiespalt an die Diskussionen um die Konzernverantwortungsinitiative. Aber Politik ist etwas „dünnes Eis“ und darum erinnere ich am Vortag zur 'Auffahrt' an die biblische Geschichte. In seinem Brief an die Philipper schreibt Paulus lediglich jenem die Auferstehung zu, „der sich selbst erniedrigt hat und gehorsam geworden ist“. Und weil auch die Anlehnung an Religionen so manchen Fettnapf birgt, wende ich mich zum Schluss meines Tagebucheintrags lieber etwas seichteren Gedanken zu.

Der britische Dichter, Dramatiker, Musiker, Komiker und Performancekünstler Roger McGough hat zu aktuellem Anlass ein aus meiner Sicht wunderbares Gedicht verfasst:

 

When It's Over

What will we have we learned
from stillness and silence?

From sharing not taking?
Waiting not pushing?

Whispering not shouting?
Dawdling not rushing?

When life is back to normal
And the hugging is over

Will we look beyond ourselves
and help the earth recover?

* * *

This morning, the only cloud
On the horizon is a cloud

Without fear of intrusion,
it drifts above, full of itself

The sky, has it had a facial?
Its skin positively glows.

Is it a bird? Is it a plane?
Superman? No, just a bird.

And on a branch, one is singing.
The purity of the note!

No need today to clear its throat.
If trees could smile, this one surely would

Imprisoned for our sins
Is now the time to question why?

When it’s over, what lessons?
Ask the tree, the bird and the sky


Roger McGough

Wenn es vorbei ist

Was werden wir gelernt haben
aus Stillstand und Ruhe?

Vom Teilen, statt vom Nehmen?
Warten, statt drängen?

Flüstern, statt schreien?
Bummeln, statt hetzen?

Wenn das Leben wieder normal ist
Und die Kuschelei vorbei ist

Werden wir über uns hinausblicken
und der Erde helfen, sich zu erholen?

* * *

Heute Morgen, die einzige Wolke
Ist am Horizont eine Wolke

Ohne Angst vor Einmischung,
schwebt sie über uns, erfüllt von sich selbst

Der Himmel, hatte er eine Gesichtskur gehabt?
Seine Haut leuchtet positiv.

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug?
Supermann? Nein, nur ein Vogel.

Und auf einem Ast singt einer.
Die Reinheit des Tons!

Heute braucht er sich nicht zu räuspern.
Könnten Bäume lächeln, würde es dieser tun

Eingesperrt für unsere Sünden
Ist jetzt die Zeit, nach dem Warum zu fragen?

Wenn es vorbei ist, welche Lehren daraus?
Fragen wir den Baum, den Vogel und den Himmel


Roger McGough

 

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